Die Gründung der Gemeinde
Das Entstehen der IRG Basel als jüdische Gemeinde ist zu einem guten Teil das Werk von Sally Guggenheim. Der gebürtige Basler, stark durch Rabbiner Cohn geprägt, entwickelte neben seiner Geschäftstätigkeit im Wollhandel zahlreiche Aktivitäten zum Wohl der jüdischen Gemeinde. So gehörte er zu dem Gründerkreis des Schomre Thora Männervereins und der Aguda.
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg machte Sally Guggenheim die ersten Versuche, in den Kreisen der Schomre Thora ein eigenes tägliches Minjan zu bilden. Nachdem diese Bemühungen anscheinend auf wenig Gegenliebe stiessen, suchte er anderwärts Unterstützung zur Verwirklichung seiner Ideale. Er trat Ende 1923 aus der IGB aus und organisierte jeweils am Schabbat ein Privat-Minjan in seiner Villa in Allschwil. Am 9. Oktober 1924 erwarb Sally Guggenheim die Liegenschaft Thannerstrasse 60 in Basel und richtete dort eine Mikwe ein.

- Sally Guggenheim
Um jene Zeit hatte Naftali Sternbuch seinen Wohnsitz von Basel nach St. Gallen verlegt. Bis dahin hatte er in seinem Haus Birmannsgasse 49 ein ostjüdisches Minjan geführt. So konnte Sally Guggenheim vor allem die Teilnehmer dieses Minjans für die Gründung des neuen Vereins Schomre Schabbos gewinnen, allen voran Moses Jakubowitsch, der das Präsidium übernahm und zusammen mit seinen vier Söhnen den eigentlichen Grundstock der Gemeinde bildete.
In Basel existierten zu jener Zeit zwei ostjüdische Bethäuser: das im Jahre 1900 entstandene Minjan an der Florastrasse und ein weiteres an der Hegenheimerstrasse (später Schützengraben). Das Entstehen eines neuen Privat-Minjans, das eine bisher bereits vorhandene Institution weiterführte, wäre an sich nichts Auffallendes gewesen. Aber die Gründung des Vereins Schomre Schabbos und die Aufnahme des täglichen G‘ttesdienstes gab einem jüngeren Mitglied Anlass, in einer von Begeisterung über das neue Werk getragenen Einsendung an das „Israelitische Wochenblatt“ (IW) dem neuen Minjan eine grundsätzliche und programmatische Bedeutung zu geben. Er schilderte das Ereignis als Gründung einer „frommen Synagoge“, einer Austrittsgemeinde im Geiste der „Religionsgesellschaften“ und der Aguda Israel; er wies auf das kümmerliche und unselbständige Dasein hin, das die Gemeindeorthodoxie führt, deren Aufgabe vor allem abwehrend, also negativ sei. Diese Publikation im IW, die einerseits, drei Jahre vor der Gründung der IRG, als verfrüht bezeichnet werden kann, anderseits über das Ziel hinausschoss, führte — wiederum in den Spalten des IW — zu einer heftigen Reaktion aus religiösen Kreisen der IGB. Wenn auch gerade in Basel dank dem Wirken von Rabbiner Dr. Arthur Cohn Reformen verhindert wurden, erkannten die Gründer des Vereins Schomre Schabbos die besonders schwierigen Probleme, die sich einer orthodoxen Minderheit innerhalb einer Einheitsgemeinde wie der IGB stellen.
Nachfolger des im Jahre 1926 verstorbenen Rabbiners Dr. Cohn wurde Rabbiner Dr. Arthur Weil. Ganz auf dem Boden jüdischer Tradition stehend, konnte Rabbiner Weil in den dreissig Jahren seiner Tätigkeit für die Gemeinde den Charakter der in den Traditionen verwurzelten Einheitsgemeinde wahren. An der Eigenständigkeit des Vereins Schomre Schabbos änderte diese Wachablösung hingegen nichts.
In der Generalversammlung des Vereins vom 18. Dezember 1927 (24. Kislew 5688) wurde die Umbenennung in „Israelitische Religionsgesellschaft“ beschlossen. Zweck des Vereins ist die Wahrnehmung der „Aufgaben der jüdischen Religionsgemeinde“.
Die Statuten legen fest, dass die IRG auf dem Boden des jüdischen Religionsgesetzes steht, „wie es in der Thora (heiligen Schrift), gemäss Schulchan Aruch, enthalten ist“. Nur männliche Mitglieder sind stimm- und wahlberechtigt und in den Vorstand wählbar. „Wer prinzipiell nicht nach den Gesetzen der Thora lebt, ist von der Mitgliedschaft ausgeschlossen.“
Nach der Gründung der IRG konnte Sally Guggenheim noch während zehn Jahren die weitere Entwicklung der jungen Gemeinde und ihren Ausbau entscheidend beeinflussen und lenken. Der Bau der Synagoge und die Schaffung der für eine selbständige Gemeinde unerlässlichen Institutionen wären ohne seine kraftvolle Persönlichkeit und seine Spendenfreudigkeit undenkbar gewesen.
Sally Guggenheim verstarb am 2. Marcheschwan 5698 (7. Oktober 1937). Am 17. Oktober 1937 fand in der Synagoge Ahornstrasse im Beisein von Regierungsrat Fritz Brechbühl eine Trauerfeier statt, an der Rabbiner D. J. Schochet noch einmal die Persönlichkeit und das Wirken des Verstorbenen würdigte: „Sein Fleiss wurzelte in dem lebendigen Pflichtgefühl, er ist aus seiner nie erlöschenden Begeisterung für die öffentliche Wohlfahrt hervorgegangen… Die Wohltätigkeit, die er übte, kannte nur die Frage nach der Not, sie kannte aber weder nationale Schranken noch konfessionelle Grenzen, und so war er auch Mitglied zahlreicher nichtjüdischer Vereine für humane Zwecke und wohltätiger Gesellschaften im In- und Auslande.“
Wie Rabbiner Schochet ausführte, ist die IRG Basel das Denkmal, das Sally Guggenheim mehr als Erz und Stein ehrt. „Diese Gemeinde … ist sein Werk.“
Das Rabbinat
Die Gründungsmitglieder der IRG betrachteten Raw Mosche Schwarz ז''לals ihr geistiges Oberhaupt. Er was ein hervorragender Talmudgelehrter und vormals Lehrer am Schomre Thora Männerverein, doch aus Bescheidenheit wollte er das formelle Amt des Rabbiners nicht übernehmen.
Das Bedürfnis, die Selbständigkeit der IRG durch ein eigenes Rabbinat zu dokumentieren, führte am 12. April 1931 zur Wahl von Rabbiner Dr. Pinchas Kohn zum ersten Rabbiner der IRG Basel. Seine Tätigkeit in Basel war nebenamtlich.
Im Jahre 1932 bot sich die Gelegenheit, einen Rabbiner zu engagieren, der ganz der Gemeinde zur Verfügung stehen konnte. Der noch junge Rabbiner Dow Jehuda Schochet, der an den Jeschiwot von Telsz gelernt und an den Universitäten von Zürich und Basel studiert hatte, wurde zum Rabbiner der Gemeinde gewählt. Mit Rabbiner Schochet bekam die Gemeinde eine energische, kraftvolle Persönlichkeit, die während fünfzehn Jahren die IRG führte und gestaltete.
Nach dem Wegzug Rabbiner Schochets nach Den Haag amtierte Jakob Oppenheimer aus Zürich von Juni 1947 bis Anfang Januar 1948 als Rabbiner-Stellvertreter. Später war er Rabbiner in Buenos Aires.
Bei der Neubesetzung des Rabbinats fiel die Wahl nach längerer Suche auf den damaligen Dajan in Budapest, Rabbiner Jakob Snyders. Rabbiner Snyders, in Györ (Ungarn) geboren und in Pressburg ausgebildet, gab bei einem vorrangigen Besuch im Oktober 1947 mehrere Schiurim und hielt im Israelitischen Lehrhaus einen sehr eindrücklichen Vortrag. Thema war die Pflicht jedes Juden, einerseits im Lande Israel zu wohnen, andererseits aber die Ankunft des Maschiach abzuwarten und nicht gegen den Willen der Völker in grosser Zahl ins Land Israel zu ziehen. Der Bezug auf die Gemara in Kesub. 111 war hochaktuell angesichts des Antrags auf Teilung des britischen Mandatgebiets für Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat.
Durch seine menschliche Wärme und Ausgeglichenheit, das grosse jüdische und profane Wissen sowie die profunden Talmudkenntnisse und durch den guten Kontakt, den er beim Unterricht auch mit jugendlichen Schülern fand, eroberte sich Rabbiner Snyders rasch die Herzen der Gemeindemitglieder. In einer ausserordentlichen Generalversammlung am 25. Oktober 1947 wurde Rabbiner Snyders einstimmig zum neuen Gemeinderabbiner gewählt.
Im Februar 1948 kam er mit seiner Gattin nach Basel. Rabbiner Snyders legte Wert darauf, ohne Einführungsfeier sein Amt anzutreten. Neben seinen vielseitigen Kenntnissen und seiner grossen Erfahrung sind es die grossen menschlichen Eigenschaften und sein unerschütterlicher G“ttesglaube, die ihn auszeichneten und zum Vorbild für seine Gemeinde machten. Die Rebbezin ihrerseits kümmerte sich in schönster Weise um Einsame und Bedürftige und ergänzte damit die Tätigkeit des Rabbiners aufs beste.
Rabbiner Jakob Snyders verstarb am 24. Nissan 5744 (26. April 1984) im Alter von 79 Jahren nach kurzer Krankheit. Die Gemeinde trauerte um ihn wie um einen Vater, der seine „Kinder“ leitete und um sie sorgte. Rabbiner Snyders war ein Raw vom Format der früheren Generationen, wie man es heute kaum noch trifft. Ein profunder Talmid Chacham mit viel Lebenserfahrung auf dem Gebiet der Halacha, ein grosser Kenner der jüdischen Geschichte, ein Mensch mit tiefem Jirat Schamaim und grosser Bescheidenheit. Sein ruhiger, bedachter und ausgleichender Charakter hat wesentlich zum Frieden innerhalb der Gemeinde beigetragen. Trotz des schrecklichen Verlustes von Ehefrau und allen Kindern im Holocaust – nach dem Krieg heiratete er nochmals – verlor er nie seine Emuna Schelema und sein Simchat HaChaim. Sein sehnsüchtiges Erwarten des Maschiach war stets deutlich erkennbar.
Nach dem Tod von Rabbiner Jakob Snyders wurde sein ältester Sohn, Raw Benzion Snyders, von der Gemeinde als Nachfolger gewählt. Während eines Jahres konnte sich der designierte Nachfolger zusätzlich „Schimusch“ bei ausländischen Rabbanim und Bate Din aneignen. Im Jahre 1985 wurde Raw Benzion Snyders in einer feierlichen Stunde durch Rabbiner Daniel Levy זצ''ל in das Amt des Rabbiners der IRG eingesetzt. Profundes Wissen, Bescheidenheit, Edelmut und grosses Jirat Schamaim zeichnen seine Person aus und prägen seine gelassene, würdevolle Amtsführung.

- Rabbiner Ben-Zion Snyders שליט''א, Raw der IRG Basel seit 1985
Der Unterricht – לימוד התורה
Es ist oben festgehalten worden, dass eine jüdische Gemeinde ihren Ausgangspunkt normalerweise in der Bildung eines Minjan und damit im regelmässig durchgeführten gemeinsamen Gebet hat. Der Fortbestand einer solchen Synagogengemeinschaft über die Generation der Gründer hinaus hängt im wesentlichen vom Vorhandensein einer Talmud Thora, einer Religionsschule ab, in welcher die Kinder eine gründliche und umfassende jüdische Bildung erhalten.
Die Erziehung der Kinder bleibt stets Sache des Elternhauses. Was den Kindern von den Eltern vorgelebt wird, und wie es die Kinder mit ihrem untrüglichen Instinkt aufnehmen, ist von grundlegender Bedeutung. Unerlässlich ist aber eine Ergänzung und Vervollständigung dieser häuslichen Erziehung durch ein systematisches Vermitteln der Kenntnisse jüdischer Lehre, durch die Anregung zu geistiger Vertiefung des Gesehenen und Gehörten. Den Kindern soll jüdisches Wissen in einem Geist vermittelt werden, der den Bestrebungen des Elternhauses entspricht. Aber auch den Eltern selbst muss die Möglichkeit geboten werden, ihr jüdisches Bewusstsein und ihr jüdisches Wissen ständig zu vertiefen und zu erweitern.
Im täglichen Gebet erwähnen wir Talmud Thora als eines der Gebote, das keine Begrenzung kennt. Es wiegt die anderen Gebote auf, denn es ist die unerlässliche Basis für das Gedeihen eines wahrhaft jüdischen Lebens, eines Lebens, in dem Tun und Denken im Geiste harmonisch zusammenklingen können. So sieht es die IRG als eine ihrer Hauptaufgaben, durch mannigfache Veranstaltungen die Erwachsenen in der Bewältigung ihrer Pflichten als jüdische Menschen ganz allgemein, als Glieder einer Gemeinschaft und auch als Eltern und Erzieher zu fördern und zu stärken. Diese Aktivitäten sollen als Ansporn dazu dienen, der Erfüllung all dieser Aufgaben eine ununterbrochene Aufmerksamkeit zu schenken.
An der Generalversammlung vom 11. November 1928 ermahnte Raw Mosche Schwarz die Gemeinde, nicht Gelder zu investieren, die dann für andere wichtige Aufgaben fehlen könnten. Man müsse an die Anstellung eines Lehrers denken; er selbst sei mit Arbeit überlastet und könne diese Aufgabe nicht übernehmen.
Dieser Appell führte im Dezember 1930 zur Anstellung von Raw Menasche Kraus als „Religions- und Talmudlehrer“. Raw Krausz aus Ungarn verfügte über ein grosses jüdisches und allgemeines Wissen und war bis zu seinem Ableben 1976 ein profiliertes Mitglied der IRG.
Das Bedürfnis, den Religionsunterricht weiter auszubauen, führte am 15. Oktober 1933 zur Gründung des Talmud Thora-Vereins. Während Schülern und Schülerinnen im Alter von acht bis vierzehn Jahren hauptsächlich Chumasch, Mischnajot und Hebräisch lernten, wurden ältere Knaben von Adolf Jakubowitsch auf den Gemara-Schiur des Rabbiners am Schabbatnachmittag vorbereitet. Erwachsene konnten sich am Gemara- und Halacha-Schiur von Rabbiner Schochet beteiligen.
In der Generalversammlung der IRG vom Jahre 1949 wurde bemängelt, dass der Talmud Thora-Verein eigentlich nur noch auf dem Papier existiere. Scheinbar war der organisatorische Rahmen des Talmud Thora-Vereins zerfallen, nachdem insbesondere Jugendliche fernblieben. Einzelpersonen, unter ihnen Isaak Herz und Efraim Stefansky als Kassier übernahmen es, den Verein zu reaktivieren. Dieser Aufgabe widmete er sich viele Jahre hindurch mit grosser Hingabe und konnte dabei auch beachtliche Erfolge verbuchen. Später aber fiel die Vereinsarbeit wieder in die frühere Lethargie zurück.
Nach dem Weggang von Rabbiner Schochet war die Anstellung eines vollamtlichen Religionslehrers notwendig, um die entstandene Lücke zu füllen. In der Person von Abraham Dzialoszynski konnte eine äusserst geeignete Person von ausserordentlicher Energie und Hingabe an seine Pflichten gefunden werden. Weltgewandt und sprachgewaltig, bewandert in allen Aspekten von Talmud Torah, hat Abraham Dzialoszynski durch seine Tätigkeit die IRG massgeblich beeinflusst. Seine auffallende Präsenz war Teil dieser fesselnden Persönlichkeit. Seien es die Schiurim für junge Leute, der Damen-Schiur oder seine wöchentlichen Sidro-Betrachtungen, alle erfreuten sich stets einer grossen Teilnehmerzahl.
Im Laufe der Jahre machte die Entwicklung der Religionsschule der IRG die Anstellung zusätzlicher Kräfte erforderlich. Im Jahre 1966 wurde mit JisraelNager ein Lehrer verpflichtet, der sich dem Unterricht mit Pflichtbewusstsein und Gewissenhaftigkeit widmete. Bis zu seinem Wegzug nach Israel im Jahr 1997 arbeitete er vor allem an der Jüdischen Mittelschule.
Als weitere Lehrperson wurde 1974 Raw Schlomo Rosenbaum nach Basel berufen. In Manchester geboren, besuchte er die Jeschiwa in Gateshead und das Kolel in Sunderland. In Basel entfaltet er bis heute eine grosse Aktivität; er erteilt individuelle und Gruppen-Schiurim an Jugendliche und Erwachsene, arbeitet in Kommissionen und ist zurzeit Mitglied des Vorstands der IRG. Er verfügt über ein umfassendes jüdisches und profanes Wissen und versteht es ausgezeichnet, auch einen komplizierten Lehrstoff mit gründlicher Sachkenntnis gut verständlich zu vermitteln.

- Raw Schlomo Rosenbaum שליט''א
Rückblick auf die letzen Jahre
"דור הלך ודור בא"
(קהלת, א', ד)
Eine Generation geht, eine Generation kommt. Dieser Satz aus Kohelet, dort auf ein Menschenleben gemünzt, lässt sich ein Stück weit auch auf das Leben in einer jüdischen Gemeinde übertragen. Freudige Zeiten und Momente der Trauer wechselten sich ab. Persönlichkeiten wie Rabbiner Jakob Snyders זצ''ל, Rudolf Spitzer זצ''ל, Abraham Dzialoszynski זצ''ל, Akiba Kraus זצ''ל, Dr. Bernhard Prijs זצ''ל und Kurt Orzel זצ''ל sind nicht mehr unter uns, doch haben sie einen festen Platz im Andenken der Gemeindemitglieder. Deren Bedeutung mag besonders ermessen, wer heute in die IRG geht.
An dieser Stelle seien einige Beispiele für die anhaltende Wirkung der oben genannten Personen angeführt. Ein Mitglied der Gemeinde fragte kürzlich ein anderes, ob man das Gebet für die Reise nicht auch schon vor Antritt der Reise in der Stadt sagen könne. Als Antwort wurde zitiert, wie Rabbiner Jakob Snyders vor mehr als zwanzig Jahren das Gebet für die Reise zu sagen pflegte. Dieser Hinweis war mehr als nur ein praktischer Tipp, wie zu verfahren sei; er beweist die lebendige Überlieferung auch kleiner Details im Leben dieser Persönlichkeit.
Für einen anderen Bereich sei auf Herrn Rudolf Spitzer זצ''ל verwiesen: Bei der Frage, wie die Finanzierung der Gemeinde durch die Mitglieder zu leisten sei, gibt es zwei divergierende Meinungen: Die einen befürworten das System der IGB und wollen einen gewissen Prozentsatz der kantonalen Steuer als Gemeindebeitrag festsetzen, andere lehnen dies ab und sprechen sich für eine freiwillige Selbsteinschätzung aus. Letztere verweisen auch auf ein höheres Spendenaufkommen als Folge der Selbsteinschätzung. Als Entscheidungshilfe wurde 1989 eine umfangreiche Finanzanalyse durchgeführt, die sich klar für ein Verfahren analog dem der IGB aussprach. Dennoch fand und findet bis heute dieses Verfahren keine Mehrheit: Die Meinung Herrn Rudolf Spitzers, dies Verfahren mindere das Spendenaufkommen und führe netto zu Einnahmeverlusten, gibt bis heute den Ausschlag für ein Beibehalten der jetzigen Regelung.
Abraham Dzialoszynski war eine Persönlichkeit mit vielen Eigenschaften, die ihm zu einer eindrücklichen Präsenz in der IRG verhalf. Tatkräftig und emphatisch, konnte er mal bestimmend sein, mal abwartend zuhören. In jüngeren Jahren hatte er die „Welt“ gesehen und war in der Torah zuhause. Abraham Dzialoszynski war ein grosser Talmid Chacham, zupackend und humorvoll. Seine Qualitäten liessen ihn begeisternd unterrichten, eindrücklich als Baal Kore und Baal Tefila amtieren. Seine Schiurim waren nicht trockene Vorlesung, sondern packende, oft bewegende Stunden, gefüllt von Daat Torah. Oft kam er der Bitte nach und übernahm bei freudigen Anlässen das Tafelmajorat. Zahlreiche Bonmots aus seinem Mund haben ihren Weg in die Sprache der IRG-Mitglieder gefunden. Abraham Dzialoszynskis grösstes Verdienst ist es wohl, zwei Generationen zu Ahawat HaTorah und Jirat Schamajim geführt zu haben. Er ging ganz in seiner Aufgabe auf. Nichts war ihm zuviel und nichts war unter seiner Würde. Sein starker Wille und seine Energie, die Ehrlichkeit und Bescheidenheit waren lebendiges Beispiel dafür, wie ein Jehudi einer charedischen Kehilla sich führen sollte. Seine Schüler und Freunde haben ihn als liebevollen, gütigen Menschen in Erinnerung. Er wanderte 1993 nach Israel aus und wurde dort im Jahre 2001 niftar.
Für Kurt Orzel waren die Synagoge in der Ahornstrasse und das dortige Lernzimmer wie ein zweites Zuhause, in dem er sich wohl fühlte, wenn er und andere dort lernen konnten. השכמת בית המדרש שחרית וערבית und die Teilnahme am דף היומי waren Fixpunkte im Tagesablauf. Fehlte etwas, gab es etwas zu reparieren, so tat er dies nicht aus handwerklichem Betätigungsdrang, sondern um die Wahrung der Würde dieses מקום קדוש. Er fühlte die persönlichen Verantwortung jedes Einzelnen für die צרכי ציבור, für die Angelegenheiten der Gemeinde. Lange Jahre führte Kurt Orzel als Mitglied des Vorstands die Kasse der Gemeinde. Personen wie Kurt Orzel oder Rudolf Spitzer hatten weder Angst vor der Verantwortung noch mussten sie speziell aufgefordert werden; sie machten das Wohl der Gemeinde zu ihrem eigenen Wohl. Herr Orzel wanderte 1995 nach Israel aus und wurde dort 2001 Niftar.
Dr. Bernhard Prijs ז''ל (niftar 1991) war Vielen ein Beispiel für Torah im Derech Erez. Von Beruf Chemiker, arbeitete er an der Universität und unterhielt Kontakt zu den Behörden. Er hatte seinerzeit den Schabbat-Dispens an kantonalen Schulen erwirkt und war massgeblich an der Gründung der Jüdischen Mittelschule beteiligt. Auch in der Agudat Jisrael war er sehr engagiert. Zudem war er ein geschätzter Baal Tefila und Baal Kore.
Akiba Kraus ז''ל (niftar 1995) hat massgeblich Limud HaTorah in der IRG gefördert. Ehrenamtlich hat er Schüler unterrichtet, Schiurum erteilt und andere angeregt. Er war es, der in erster Linie die ältere Jugend und junge Baale Batim zu „Kowe’a Itim LaTorah“, zum organisierten Lernen zu festen Zeiten, animierte. Er organisierte Aguda-Gruppen und Veranstaltungen. Seine Liebe zu הכנסת אורחים liess sein Haus Herberge vieler Gäste sein.
Heinrich Ungar kam kurz vor dem Krieg aus Österreich nach Basel. Er war der Gemeinde sehr treu; während vieler Jahre machte er es sich zur Mitzwa, das „Jajin LeKidusch“ zu hohen Preisen zu ersteigern. Ferner gab es kaum einen Morgeng’’ttesdienst, bei dem er nicht unter den ersten zehn Mitpallelim zählte. Herr Ungar wurde im Jahre 2000 niftar.
Am 16. Adar 5755/16. Februar 1995 verstarb Rebbezen Dwora Snyders nach längerer, schwerer Krankheit. Sie kümmerte sich um alle häuslichen Belange und stärkte so ihrem Ehemann, dem Raw, den Rücken. Zudem besuchte sie viele Kranke und allein stehende Menschen unserer jüdischen Gemeinschaft und war Anlaufstelle für unzählige Hilfe suchende Menschen. Während beinahe 50 Jahren ihres Wirkens hat sich die Rebbezen in unserer Gemeinde und weit darüber hinaus grosse Sympathie und viel Liebe erworben. Sie war der Gemeinde wie eine Mutter, geschätzt und geliebt von allen Kreisen.
Freudige Anlässe der Gemeinde, dies sind neben privaten Anlässen wie Barmitzwot, Verlobungen, Heiraten oder einem Schalom Sachor sowie das Hereinbringen neuer Sifre Torah in die Synagoge. Im Verlauf der letzten 30 Jahre liessen David und Robert Jakubowitsch, Jizchak und Gabriel Feldiger sowie Rudolf Spitzer ז''ל Torahrollen schreiben, aus denen regelmässig geleint wird. Zur Zeit wird ein Sefer Torah im Andenken an Abraham Dzialoszynski ז''ל geschrieben, dessen Kosten Gemeindemitglieder und Freunde übernommen haben.
Der tägliche, durch Oscher Dowid Snyders gegeben „Daf HaJomi“ – Schiur, der erstmals 1983 zu einem „Sijum HaSchass“ führte, entwickelte sich zu einer sehr populären Institution und hat für das Achdut der Gemeinde einen hohen Stellenwert.
Als segensreich erweist sich das Kolel im Hörsaal der Gemeinde. Bis zu zehn verheiratete junge Männer verbringen dort lernend viele Stunden des Tages und machen Basel noch mehr zu einem Ort der Torah. Die Gemeinde profitiert dabei auch ganz praktisch durch das gemeinsame Lernen von Kolelmännern und Baale Batim, die in den Abendstunden sich einfinden und zumeist in fester Chawruta lernen.
Der Zuzug einiger Familien aus Deutschland, die auf der Suche nach Rückkehr zu הקב''ה in diese Gemeinde kamen, beweist die Attraktivität der Gemeinde, und weitere Anstrengungen auf dem Gebiet des Keruw Rechokim sollten folgen. Hier gibt es Ideen, einen Monat oder ein Jahr der offenen Tür durchzuführen, währenddessen gezielt Personen eingeladen werden, um die IRG Basel kennenzulernen.
Was werden wir diesen Personen sagen können, wenn sie nach Typischem, nach Besonderem der IRG Basel fragen? Was haben wir übernommen und gelernt von den geschätzten Menschen, die uns ein Vorbild waren? Von Bescheidenheit war mehrmals die Rede, und diese soll auch an dieser Stelle gelten. Die IRG ist ein Ort der Thora, eine Gmeinde, deren Mitglieder unter allen Umständen HaKadosch BaruchHu in den Mittelpunkt Ihres Lebens stellen. חסד, das Einstehen füreinander, findet sich im Alltag der Menschen. „Jeckische“ und „litwische“ Personen haben eine gemeinsame Gebetsordnung, „jeschiwische“ und „Baale batische“ Personen vertrauen dem Standard der Kaschrut des anderen. Die Homogenität in der Mitgliederschaft hat wohl weiter abgenommen, aber eine Vereinzelung der Personen oder eine Aufsplitterung in Grüppchen ist kaum festzustellen. Hier spiegelt sich möglicherweise ein wenig die Schweizer Umwelt, wo soziale Unterschiede vielleicht weniger betont werden. Nach wie vor wächst die Jugend im Vergleich zu anderen Ländern eher behütet auf. Überspitzt gesagt: Die IRG Basel ist mehr als ein Minjan mit Anschluss an den Flughafen. Sie ist eine kleine Gemeinde mit allen Einrichtungen, die ein religiöser Jehudi braucht, eine kleine Gemeinde, aber eine grosse Familie.
Möge HaKadosch BaruchHu auch weiterhin der Gemeinde beistehen und Klall Israel schnell zur endgültigen Ge’ula führen.
Zeittafel
1924 | Gründung des Vereins „Schomre Schabbos“ |
1927 | Gründung der Israelitischen Religionsgesellschaft Basel |
1929 | Einweihung der Synagoge Ahornstrasse |
1931 | Amtsantritt von Rabbiner Dr. Pinchas Kohn |
1932 – 1947 | Amtsdauer von Rabbiner Dow Jehuda Schochet |
1933 | Gründung des Talmud Thora-Vereins |
1937 | Hinschied von Sally Guggenheim |
1939 | Hinschied von Moses Jakubowitsch |
1939 – 1947 | Amtsdauer von Kantor Schlomo Salman Schweid |
1948 | Amtsantritt von Rabbiner Jakob Snyders |
1949 | Amtsantritt von Lehrer Abraham Dzialoszynski |
1950 | Gründung des Jüdischen Kindergartens |
1954 | Renovierung der Synagoge |
1959 | Neubau Gemeindehaus Thannerstrasse 60 |
1966 – 1997 | Tätigkeit von Jisrael Nager als Lehrer |
1974 | Raw Schlomo Rosenbaum nach Basel berufen |
1978 | Gründung der Primarschule „Beis Sefer“ |
1980 | Gründung der Jüdischen Mittelschule |
1984 | Hinschied von Rabbiner Jakob Snyders |
1985 | Amtsantritt Rabbiner Benzion Snyders |
1989 - 1998 | Raw Samuel Macner als Rektor der |
1995 | Amtsantritt von Shraga Dzialoszynski als |
1997 | Gründung des „Kolel Basel“ |
2004 | Fertigstellung der Überbauung Schützenmattstrasse |



